Applaus, Applaus

 

 

Wenn man die Augen zumacht

klingt der Regen wie Applaus.

 

Positives Denken kann ja bekanntlich Berge versetzen. Das ist schön - so fern man weiß, wo die Berge hin sollen. Nicht immer schafft es unsere Alles-wird-gut-Attitüde und unser Die-Hoffnung-stirbt-zuletzt-Glaube uns unverwundet durch den Tag zu geleiten. Manchmal ist positives Denken der ekelhafte Würgreiz in unserem Hals, den wir einfach unterdrücken müssen, um nicht alles auszukotzen woran wir glauben.

 

Und doch versuchen wir es. Wir versuchen das Beste daraus zu machen, das Gute darin zu sehen. Wir versuchen die Hoffnung zuletzt sterben zu lassen - einfach nur weil wir es müssen. Wir klammern uns an jeden Strohhalm und an jeden kleinen Hoffnungsschimmer, den wir finden. Weil der Glaube daran, dass alles gut wird das ist, was uns weitermachen lässt. Wir nehmen Rückschläge in Kauf, zerbrechen und fallen - weil wir insgeheim immer wissen, dass es irgendwie weitergehen wird. Weil es weitergehen muss. Weil Probleme oftmals nur Lösungen in Arbeitskleidung sind.

 

Es ist schon seltsam, das Leben.

Manchmal ist man so verzweifelt, dass man nicht mehr weiter weiß. Dass einem nichts mehr helfen kann, weil alles verloren scheint. Und im nächsten Moment schafft man es irgendwie daran zu glauben, dass alles wieder gut wird. Weil alles gut werden muss. Weil der Regen wie Applaus klingt, wenn man die Augen zumacht.

 

Wir versuchen es. Wir versuchen zu leben. Weiterzumachen. Wir versuchen das Beste daraus zu machen und das Gute darin zu sehen. Zumindest meistens. Und in der restlichen Zeit? Wir könnten die Augen zumachen, dann klingt der Regen wie Applaus.

Lieber Holger

i like the way we open up our hearts to each other

when we find the meeting of our minds.

 

Ich hab all deine Briefe aufbehalten. Und ich schau mir die Sonnenuntergänge so oft an wie ich kann. Wo ist das Leben nur geblieben? Wie alt sind wir geworden? Es kommt mir vor wie zehn Sekunden, in Wirklichkeit sind es Jahre. Und es ist so schrecklich viel passiert.

 

Lieber Holger,

bitte melde dich.

 

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Deine Uniqa.

Die verdammte Nähe.

Nun, ich bin umgezogen.

Also nein. Eigentlich hab ich es nach 26 Jahren endlich geschafft mein komplettes Leben zusammen zu raffen und ihm Raum zu geben. Der Raum hat knapp sechzig Quadratmeter und befindet sich in einer Stadt, mit der ich nichts verbinde, in der ich niemanden kenne. Es ist perfekt. Perfekt für den Beginn meines restlichen Lebens.

 

Heute habe ich den letzten Umzugskarton ausgepackt. Und zum Vorschein kam mein altes Memo-Board, an das ich einst all die Fragen ans Leben geklebt hatte. Ständig ist mir dieses oder jenes in den Sinn gekommen. Ich hab es also auf ein Post-It gekritzelt und an dieses Memo-Board geklebt, damit ich nicht vergesse womit ich mich noch beschäftigen wollte. Die Post-Its sind alle abgegangen. Bis auf das eine. Und es ist wirklich herrlich welches eine es war.

 

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Was sind wir ohne Nähe? Einsam? Oder einfach nur unterwegs?

Nun, wie ist die Antwort auf diese Fragen? Und es kommt mir lächerlich vor diese Antwort nicht zu kennen. Nähe ist etwas, das ich in meinem ganzen Leben nur selten erfahren habe. Und hatte ich es, so war es am Ende doch nur immer  eine Lüge. Was sind wir also ohne Nähe? Sollten wir vielleicht erst definieren was Nähe eigentlich ist?

 

Nähe macht uns verletzlich. Es ist etwas, das uns so sehr erfüllt wie es uns zerstört. Wir lassen es nur schwer zu. Aber tun wir es, so verlieren wir uns in ihr. Wir brauchen Nähe. Zu den Eltern, zur Familie, zum Partner, zu unseren Freunden. Aber manchmal... da kriegen wir es einfach nicht. Mütter fangen neue Leben an, Väter verschwinden, Partner verlassen uns, Freunde gehen andere Wege. Wo bleibt die Nähe? Sind wir einsam?

 

Wo geht die Nähe hin, wenn sie verschwindet? Wie kann es sein, dass man einst einem Menschen nah war und dann nichteinmal mehr weiß, wie es ihm geht? Nun.. es passiert. Nähe passiert wie das Leben. Ganz plötzlich und auf einmal. Du hast nie damit gerechnet, wolltest es nie haben. Aber von einer Sekunde auf die andere bist du einem Menschen nah. Sei es durch deine Geburt oder durch die verdammte Liebe - du gibst dich auf für jemanden, der jederzeit gehen kann.

 

Nähe ist beschissen. Und obwohl wir ständig unterwegs sind auf der Suche danach, so sind wir doch einsam ohne sie. Und verfluchen sie, wenn sie vergeht. Wir suchen nach etwas, das wir eigentlich nicht haben wollen. Und lassen uns ein auf etwas, wovor wir Angst haben. Es ist das Spiel des Lebens.

 

Die Antwort lautet: Wir sind einsam unterwegs auf der Suche nach Nähe. Wir geben unser Herz dafür, nur um es zerbrechen zu lassen. Aber dieses kleine bisschen Nähe, das wir davon hatten, scheint es sogar wert gewesen zu sein. Ein wenig Liebe, ein wenig Geborgenheit, ein wenig Vergangenheit. Ein wenig etwas, woran man sich erinnern kann. Weißt du noch damals, als ich glücklich war? Vielleicht ist es das wert gewesen. Vielleicht gibt es die Nähe deshalb, damit wir die Entfernung verstehen. Vielleicht müssen wir uns auf sie einlassen, um zu spüren was wir ohne sie sind.

 

Und vielleicht muss uns die Nähe so sehr zerstören, damit wir überhaupt noch spüren, dass wir fühlen können. Dass nichts verloren ist, solange wir noch fähig sind Nähe zuzulassen - oder zumindest darüber nachzudenken.

 

Nähe. Zwei kleine Silben für: hier ist mein Herz. Nimm es und mach Schaschlik draus. (Grey's Anatomy)

Fragen über Fragen.

Vor etwa fünf Monaten sagte Paulo zu mir „Stelle zehn Fragen ans Leben und versuche diese zu beantworten. Erst dann stelle die zehn nächsten.“

 

Was Paulo nicht verraten hatte war, dass es unmöglich ist aus den tausenden Fragen ans Leben immer nur zehn herauszufiltern – und dann noch dazu die Geduld zu haben zu warten, bis diese beantwortet werden.

 

Aber so ist es. Wir stellen uns täglich hunderte Fragen. Wieso, Weshalb, Warum. Wie viele Stunden vergehen bloß, bis wir all diese Fragen durchdacht haben? Wieso müssen wir stets alles zerdenken? Und ja, das war schon wieder eine Frage.

Irgendwann gibt es keine Zeit mehr für Fragen. Irgendwann muss man versuchen die Dinge so zu nehmen wie sie kommen – einfach nur deshalb, weil selbst die tausendste Frage sie nicht ändern würden.

 

Natürlich kann ich mich fragen, wieso mein Vater mich nicht liebt. Ich kann mich Fragen wieso meine Beziehung zerbrochen ist. Ich kann mich sogar fragen, wieso zur Hölle ich einfach kein Glück habe im Leben – es wird nichts bringen. Manches ist einfach verdammt so zu sein wie es ist. Was wir uns allerdings wirklich fragen sollten, ist: Was kann ich tun, um mir selbst ein Leben zu schaffen, dass weniger fragwürdig, dafür umso mehr liebenswürdig ist? Wer kann ich sein, den ich selbst nie wieder in Frage stellen muss?

 

Es geht ums große Ganze. Es geht nicht um die tausend kleinen Fragen, die uns nachts den Schlaf rauben. Es geht nicht um was wäre wenn. Es geht nicht darum hypothetische Antworten für rhetorische Fragen zu finden. Es geht darum die wichtigen Fragen zu stellen. Zu lernen, wie man sie unterscheidet. Es geht darum zu erkennen, dass die Frage „Wieso hab ich dies und jenes nicht getan, als ich die Chance dazu hätte?“ nichts im Vergleich ist zu „Willst du mich heiraten? Willst du den Rest deines Lebens mit mir verbringen? Liebst du mich?“ oder „Wer willst du sein? Wohin willst du gehen? Wer soll dich begleiten? Was erwartest du vom Leben?“

 

Und wenn man dies erkannt hat, fällt einem plötzlich auf, dass es gar nicht so viele Fragen zu beantworten gilt. Und von diesen wenigen Fragen, wähle zehn aus und beantworte sie dir selbst.

 

In anbetracht dessen möchte ich meine erste Frage ans Leben stellen, deren Beantwortung wohl ein ganzes Leben beinhalten wird:

 

Wer will ich sein?