Der blinde Fleck.

Die meisten Menschen wissen, dass wir im Auge einen "blinden Fleck" haben. Er bezeichnet eine Stelle auf der Netzhaut, an der wir keine Lichtrezeptoren haben und folglich auch nichts sehen können. Nun, vereinfacht gesagt bedeutet das: es gibt in jedem Moment unseres Lebens etwas, das wir nicht sehen.

 

Und es ist die Wahrheit. Wir sehen es nicht. Wir sehen keinen Ausweg, keine Lösung. Wir sehen keinen Sinn, keinen Fehler. Wir sind dauernd viel zu sicher. Sicher, dass alles Scheiße ist, sicher, dass nichts besser wird, sicher, dass wir keine Wahl haben, sicher, dass das die einzige Lösung ist. Was wäre, wenn nicht? Was wäre, wenn wir einfach übersehen, was völlig klar ist?

 

Nämlich, dass nichts sicher ist. Dass es für jede Sache tausend Blickwinkel gibt und es nicht möglich ist immer alle zu erfassen. Der blinde Fleck in unserem Auge beweist es: wir sehen niemals alles. Wir wissen niemas alles.

 

Warst du jemals gefangen in einer Situation, aus der du keinen Ausweg fandest? Hast du mit jemandem darüber geredet und den Notausgang gefunden? Was ist mit deinem Leben? Hat es dich in eine Ecke manövriert und du weißt nicht mehr wohin? Wie wäre es einen Hammer zu nehmen und die Wand hinter dir einzuschlagen?

Wir sehen nicht alles. Und manchmal sind wir sogar blind.

Blind für die große Liebe, blind für echte Gefühle. Wir rennen durchs Leben, knallen gegen Hindernisse, gegen Wände, fallen, stehen auf. Und wir sehen doch niemals das große, riesige Ganze. Wir sehen nicht, dass es wichtig ist zu fallen, gegen Hindernisse zu knallen. Es bringt uns weiter, es lässt uns wachsen. Der blinde Fleck ist es, der uns weiterbringt. Er bringt uns dazu unsere Perspektive zu ändern, einen Schritt nach vor zu gehen. Manchmal auch nach links oder rechts zu sehen. Er ist es, der uns erkennen lässt wo wir in Wirklichkeit stehen. Hast du je darüber nachgedacht, was abseits deines Weges liegen könnte?

 

Der blinde Fleck schützt uns vor Unsicherheit und Zweifel. Hast du je eine Entscheidung getroffen und warst dir absolut sicher? Was war, als du zwei Schritte nach vor gegangen bist und es aus einer anderen Perspektive betrachtet hast? Warst du dir immer noch sicher?

 

Nun, wir können nichts dagegen tun. Der blinde Fleck ist nunmal da. Es ist biologisch niemals möglich alles zu sehen, alles zu erfassen. Wir müssen uns darauf verlassen, dass nichts so sicher ist wie die Unsicherheit, dass nichts so bleiben wird wie es ist und dass das Leben dazu erschaffen wurde um Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen und Dinge zutiefst zu bereuen. Wir sind nicht nur Menschen weil wir den aufrechten Gang beherrschen, atmen oder denken. Wir sind Menschen, weil wir Fehler machen, weil wir niemals das Gesamtbild erfassen können und weil wir bereit sind daraus zu lernen.

Es gibt da diesen blinden Fleck auf unserer Netzhaut und irgendwie auch auf unserer Seele, in unseren Gedanken, in unserem Herz. Wir müssen lernen, dass er einen wesentlichen Teil dazu beiträgt wie wir entscheiden und was wir bereuen. Und irgendwann werden wir verstehen, dass es immer auf die Perspektive ankommt wo unser blinder Fleck liegt.. und nicht auf die Biologie.

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Anna. Egal wo mein blinder Fleck ist... dich werde ich immer lieben.

Immer wieder Montag.

Nun, vor etwa 2063 Jahren, also 45 vor Christus, beschloss Julius Cäsar, dass das Jahr 365 Tage haben soll. Nach und nach wurde diese Zeitrechnung im gesamten römischen Reich anerkannt, jedoch feierte jede Region den Beginn des neuen Jahres an einem anderen Tag. Erst 153 nach Christi wurde der Tag des Jahresbeginns auf den 1. Januar festgelegt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieser Art der Zeitrechnung diese und jene Regel hinzugefügt und das ganze System 1582 von Papst Gregor XIII reformiert. Somit wurde der bis heute gültige gregorianische Kalender eingeführt.

Heute scheint es vollkommen logisch, dass am 31. Dezember das alte Jahr endet und am 1. Januar das neue beginnt. Es scheint völlig schwachsinnig, dass es irgendwie auch anders sein könnte. Viele feiern das Ende des vergangenen Jahres mit großen Partys, mit ausgelassenen Feierlichkeiten und begrüßen das neue, vielversprechende Jahr mit einem großen Feuerwerk. Es ist ein hoffnungsvoller Brauch. Eine schöne Tradition. Wir verabschieden uns und begrüßen etwas Neues. Alles kann passieren. Alles scheint möglich zu sein. Die große Liebe finden, heiraten, im Lotto gewinnen, befördert werden, sich einen großen Wunsch erfüllen.

Wir blicken ins neue Jahr mit funkelnden, hoffnungsvollen Augen, machen eine Liste mit Vorsätzen, die alles besser machen sollen. Wir drücken die Daumen und kneifen die Augen zu, wenn die Uhr Mitternacht schlägt, ganz so, als ob sich in dem Moment alle Probleme in Luft auflösen, alle Unklarheiten beseitigt sind und sich in nur einem Augenblick alles ändern würde. Wir stoßen an auf bessere Zeiten - oder darauf, dass alles so bleibt wie es ist, weil es nie wieder so schön sein kann.

 

Und dann wachen wir auf, am ersten Tag des neuen Jahres und bemerken es: es ist auch nur ein Tag. Die Wäscheberge sind noch immer die selben, der Kontostand hat sich nicht geändert. Vielleicht sind wir nach wie vor allein oder streiten nach wie vor wer nun an der Reihe ist den Geschirrspüler auszuräumen. Wir vergessen die Hälfte unserer Vorsätze schon in den ersten drei Tagen und gestehen uns ein, dass wir vielleicht ein neues Jahr schreiben, aber noch lange kein neues Leben.

 

In Wahrheit ist heute auch nur wieder Montag. Es mag uns vielleicht unsere Illusionen rauben, die Laune verderben oder einen bitteren Nachgeschmack haben, aber in Wahrheit hat sich seit gestern nichts geändert. Es ist nichts abgeschlossen, außer vielleicht der Kalender von 2017. Es geht ständig weiter. Egal wie viele Raketen wir zünden, wie viele Kracher wir werfen. Die Zeit rennt. Wenn wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, sollten wir es nicht an einer Jahreszahl aufhängen. Es ist völlig egal welches Datum wir schreiben, wir sind es uns selbst schuldig etwas daraus zu machen.

 

Du willst 2018 mehr auf deine Gesundheit achten? Wieso nicht heute? Du willst 2018 aufhören zu rauchen? Wieso nicht jetzt?

Du willst dich verlieben? Dann solltest du verdammt nochmal anfangen dich dafür zu öffnen. Jetzt.

 

Viele halten nichts von Silvester. Und haben aufgehört es zu feiern. Wozu? Als ich heute aufgestanden bin, war auch nur ein weiterer Montag. Ich brauche keinen Jahreswechsel um mir etwas vorzunehmen. Ich brauche kein Feuerwerk um eine neue Ära einzuleiten. Wenn ich das Gefühl habe festzustecken mache ich einen Schritt vorwärts - und zwar an jedem einzelnen Tag. Ich berechne meine Zeit nicht im 365-Tage-Rhytmus. Mein Leben dauert heute nun schon 10 332 Tage. Ich überlege also nicht was in den letzten 365 Tagen passiert ist oder was ich gelernt habe, ich denke daran was ich in den letzten 10 332 Tagen erlebt, gesehen und gelernt habe - und was ich mir für die nächsten 10 000 vornehme.

 

Silvester ist etwas, das wir jeden Tag feiern sollten. Etwas, das uns das ganze Jahr begleiten sollte. Abschied nehmen, mit seinen Liebsten feiern, sich etwas Großartiges erträumen. Jeder hat sein eigenes Silvester. Bedenkt nur - unser Silvester wurde auch nur von ein paar Gelehrten bestimmt, die wahrscheinlich betrunken waren und nach ein paar Karaffen Wein auf ihre Jesuslatschen gekotzt haben.

 

 

Frohes neues Jahr, ihr Lieben.

Goodbye, my old friend.

Wir denken immer wir wären besonders schlau und erfahren, wenn wir Dinge sagen wie: "Ich habe daraus gelernt", oder "die Vergangenheit ist vorbei und man kann sie nicht ändern", oder "alles was passiert ist, hat mir geholfen der Mensch  zu werden, der ich heute bin."

Ja, wir sind dann ganz reflektiert und furchtbar erwachsen und fühlen uns stark und unbesiegbar. Wir haben das Schlimmste überwunden, sind daran gewachsen und haben aus den Erfahrungen etwas gemacht. Wir sind auf unsere ganz eigene Art schrecklich "weise" und denken wirklich, dass uns so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen kann - wir haben ja daraus gelernt!

 

Nun, die Wahrheit ist: sobald die Vergangenheit einen Fuß in die Tür stellt, lassen wir sie auch herein. Vielleicht ist es die stille Sehnsucht, vielleicht ist es der ewig währende Gedanke, dass alles wieder gut werden kann - wir lassen sie herein und versuchen tatsächlich ein anderes Ende für die doch immer gleiche Geschichte zu schreiben. Wir versuchen trotz all unserem Wissen und unserer Weisheit, entgegen aller Erfahrungen und Lernprozessen etwas daraus zu machen. Mehr daraus zu machen. Wir wollen besser sein, anders. Uns selbst im Angesicht der Vergangenheit beweisen, dass wir gewachsen sind. Nur um am Ende wieder zu scheitern. Erneut das selbe durchmachen, erneut das selbe lernen.

 

Ich mache uns keinen Vorwurf. So sind wir eben. Wir wollen ein Happy End. Wir wollen, dass alles gut wird. Wir wünschen uns Vollständigkeit, abgeschlossene Dinge. Wir möchten wohlwollend und zufrieden auf unser Leben zurückblicken, nicht auf Rückschläge und unerledigte Dinge. Und ganz genau dieser Drang beschert es uns immer wieder: Leid. Wir leiden, weil es wieder komplett in die Binsen gegangen ist, weil wir wieder an einem Punkt angekommen sind, an den wir nie wieder zurück wollten. Wir fühlen uns schäbig. Ungewollt. Als wären wir es nicht wert. Das macht die Vergangenheit mit uns. Sie zeigt uns immer wieder unsere eigenen Fehler und Schwächen auf - egal ob wir denken wir hätten diese überwunden.

 

Es ist eine Tatsache. Egal wie sehr es weh tut, wie einsam es sich anfühlt, wie unvollständig es uns macht, wir müssen die Vergangenheit vergangen sein lassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns einholt und versucht unser Jetzt zu ändern. Es geht vielleicht darum an der Unvollständigkeit zu wachsen. Der Sehnsucht zu widerstehen. Nicht den alten Zeiten nachtrauern, sondern den neuen Zeiten eine Chance geben. Es geht darum wirklich zu akzeptieren, dass man Vergangenes nicht ändern kann - nicht nur so zu tun als ob. Wir müssen der Zukunft eine Chance geben, die Vergangenheit hatte ihre schon.

 

Jawohl. Es gibt schon einen Grund, wieso manche Dinge in der Vergangenheit liegen. Gäbe es keinen, wären sie nicht vergangen. Manchmal ist das Leben gar nicht so kompliziert. Manchmal geht es einfach darum weiter zu machen und nicht zurück zu blicken. Manchmal geht es darum sich zu verabschieden und anzuerkennen, dass auch Unvollständigkeit zu einem vollständigen Leben gehört. Wer weiß, was wir alles verpassen können, wenn unser Blick nur stets nach hinten gerichtet ist.

 

Herzlich Willkommen.

Bist du jemals aufgewacht, völlig zerstört und orientierungslos und hattest keine Ahnung wo du bist oder wie du hier her gekommen bist? Hattest rasende Kopfschmerzen und dieses Gefühl, als ob du irgendwie verloren wärst?

Nun, herzlich willkommen im Leben.

 

Manchmal läuft es so. Manchmal führen all unsere wohl überlegten Entscheidungen, unsere gut ausgesuchten Worte, unsere reflektieren Gefühle, unser wertvoller Erfahrungsschatz genau dort hin: ins Nirgendwo. Wir finden uns wieder in Situationen, die völlig unmöglich erscheinen. In Gefühlswelten, die wir niemals freiwillig betreten wollten. In einem Teufelskreislauf, der ständig an den Rande des Wahnsinns führt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler. Wir betreten täglich unerforschtes Terrain. Niemand hat uns erklärt wie das Leben funktioniert, also stellen wir unsere eigenen Regeln auf, nur um zu lernen, dass wir keine Macht über das Schicksal und den Zufall haben. Dass das Leben größer ist als unsere Vernunft, als unsere Vorstellungskraft, als wir. Wir lernen. Egal, ob es nun um die Grundsätze des Vertrauens geht, ob wir begreifen, dass wir die Liebe niemals verstehen werden oder dass Familie kein endgültiger, vorgeschriebener Begriff ist. Manchmal scheint es fast, als wäre unser Leben aus Teflon, und all unsere Erfahrungen und Erkenntnisse würden einfach nicht daran haften bleiben.

 

Wir halten uns an die Richtlinien. Das Mayonnaise-Prinzip, das Gesetz der Kohäsion, die Physik der Suche (*), an die unsterbliche Hoffnung, dass alles gut wird. Wir glauben ans Leben, daran, dass es uns dort hinbringen wird, wo wir hingehören. Wir glauben daran, dass es uns nur so viel Schmerz ertragen lässt, wie wir aushalten können. Wir sind sicher, dass es etwas Besonderes für uns bereithalten wird. Und doch wachen wir am Ende auf, völlig zerstört und orientierungslos und haben keine Ahnung wo wir sind oder wie wir hier her gekommen sind.

 

Das ist es worum es geht. Die Orientierung zu verlieren, um sich dadurch neue Wege zu erschließen. Der Verzweiflung wegen neue Richtungen einzuschlagen. Sich zu verlieren, um etwas zu finden. Zu entdecken, dass wir etwas vermissen, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es verloren hatten. Entscheidungen zu treffen. Mögen es falsche oder richtige sein, egal. Wir können uns darüber freuen oder daraus lernen. Es geht darum unser Leben in die Hand zu nehmen und niemand anderen dafür verantwortlich zu machen als uns selbst. Es geht darum jeden Tag die Chance zu haben das Beste daraus zu machen.

Wir zaudern viel zu oft. Wir zerdenken unsere Möglichkeiten, spielen alles von A bis Z durch - mit dem Ergebnis, dass sowieso alles anders geworden ist. Wir machen uns zu viele Sorgen, was wohl passieren mag. Wir haben ständig das Gefühl alles beherrschen zu wollen, nur um die Erfahrung zu machen, dass wir es doch niemals können.

 

Bist du aufgewacht, völlig zerstört und orientierungslos und hast keine Ahnung wo du bist oder wie du hier her gekommen bist? Hast du rasende Kopfschmerzen und dieses Gefühl, als ob du irgendwie verloren wärst? Gratuliere, du lebst. Spül deine Sorgen mit Salz und Tequila hinunter, zieh deine Schuhe an und tanze im Regen. Die Wahrheit ist nämlich: in den meisten Fällen müssen wir gar keine Orientierung haben, um unseren Weg zu finden. In den meisten Fällen schlagen wir uns einen Pfad durch den Dschungel aus Ungewissheit und Zweifel, wir lernen, erfahren, erleben - und nennen das dann unseren Weg. Und es ist schon ganz richtig so. Sich manchmal verloren zu fühlen. Orientierungslos, ahnungslos und zerstört. Wie würden wir sonst jemals begreifen, wann sich etwas richtig anfühlt? Wie könnten wir sonst jemals spüren, dass wir leben, dass wir uns verändern und weitermachen.

Es gehört dazu manchmal ein wenig orientierungslos und zerstört zu sein und nicht zu wissen wo man ist und wie man dorthin gekommen ist. Ein Leben in Balance bedeutet auch, manchmal die Balance zu verlieren.

 

 

 

 

 

 

 

(*) Das erste physikalische Gesetz der Suche lautet ungefähr so: Wer mutig genug ist, alles Vertraute und Wohltuende hinter sich zu lassen, egal was, vom Haus bis zu alten Verletzungen und sich auf die Suche nach der Wahrheit macht, sei es nach innen gewandt oder nach außen, und wer wahrhaft gewillt ist alles, was ihm auf dieser Reise passiert als Schlüssel zu betrachten und jeden, der ihm unterwegs begegnet als Lehrer zu akzeptieren und vor allem, wer dazu bereit ist, sich unangenehmen Realitäten, die einen selbst betreffen zu stellen und diese zu verzeihen, dem wird sich die Wahrheit offenbaren. (eat pray love)