The fine mingling of letting go and holding on.

Es geht um Veränderung. Immer. Ich wiederhole mich nicht ständig, sondern ich rufe es mir selbst immer wieder in Erinnerung. Veränderung ist ein unabwendbares, unbrechbares Gesetz des Lebes. Sie ist weder theoretisch noch praktisch, weder biologisch noch physikalisch aufzuhalten. Nichts ist so beständig wie die Veränderung. Sie ist die einzige Konstante im Leben, auf die wir immer zählen können - so paradox uns das auch vorkommen mag.

 

Und manchmal bedeutet das für uns eine absolute Katastrophe. Dinge, die wir lieb gewonnen haben, an die wir uns gewöhnt haben, die wir für selbstverständlich gehalten haben, verändern sich. Liebe, Beziehungen, Freundschaften, Familie. Nichts ist für immer. Alles ist dem Gesetz der Veränderung unterworfen. Wir selbst. Vielleicht sind es sogar wir selbst, die uns am meisten verändern. Das ist der Prozess des Wachsens, des Lernens, des Lebens. Wenn wir es akzeptieren können, haben wir es verstanden. Die völlige Abwesenheit von Veränderung würde Stillstand bedeuten. Und wie sollte das möglich sein, während wir auf einer Welt wandeln, die sich mit etwa 1200 Kilometern pro Stunde einfach unablässig weiter dreht. Stillstand ist keine Option. Veränderung ist somit eine dringende Notwendigkeit. Um weiter zu kommen, um zu lernen, zu verstehen.

 

Wenn sich alles verändert, bleibt oft nicht viel übrig. Verlorene Liebe, Menschen, Beziehungen. Tod. Trauer. Viel zu oft spüren wir die Veränderung erst dann so richtig, wenn wir dringend eine brauchen. Ist deine Familie durch den Trauerfall enger zusammengewachsen? Hast du dir neue Ziele gesetzt? Fühlst du das Leben heute ganz anders als vorher? Wo wärst du ohne diese Veränderungen gelandet? Auf dem selben Weg, oder vielleicht ganz wo anders?

Die Wege des Lebens sind unergründlich. Es schenkt uns Veränderung auf so viele Arten, dass wir manchmal gar nicht so recht verstehen was eigentlich mit uns passiert. Wir entschließen uns zu heiraten, ein Haus zu bauen, werden Mutter oder Vater, wir überstehen gefährliche Krankheiten oder überleben Unfälle. Es wäre einfach Schwachsinn immer gleich dahinzuleben. Wir verändern uns. Egal ob wir es wollen oder nicht.

 

Und inmitten dieses Veränderungs-Wahnsinns vergessen wir manchmal etwas ganz Grundlegendes: Egal wie wichtig es ist uns zu verändern um weiter zu kommen, oder Schritt zu halten - es gibt in der Tat ein paar Dinge, die es wert sind bewahrt zu werden. Die Hoffnung, dass alles gut wird. Der Mut neue Wege zu beschreiten. Das vertraute Gefühl aufgefangen zu werden, wenn uns die Veränderung manchmal den Boden unter den Füßen wegzieht. Es geht um das feine Gleichgewicht zwischen Veränderung und dem Bewahren von Dingen, die es wert sind ein ganzes Leben lang zu uns zu gehören. Egal wie sehr wir uns verändern, wir sollten niemals vergessen wo wir herkommen, wer oder was uns zu dem gemacht hat was wir sind. Was uns geprägt hat.

 

Wir, unser Leben, unsere Beziehungen, Freundschaften, Familie verändert sich ständig. Aber woher wir kommen, worauf wir uns verlassen können und wen wir schon vor langer Zeit in unser Herz geschlossen haben, sollten wir in diese Veränderung stets miteinbeziehen. Von diesen Verbindungen zehren und versuchen sie nicht zu verlieren - egal wohin uns die Veränderung auch tragen mag. Und manchmal ist es genau dieses Wissen, etwas gefunden zu haben, dass wir bewahren müssen, das uns hilft die Veränderung zu akzeptieren.

 

Du kannst jeden Tag ein neues Heute erschaffen. Und doch baut es sich doch immer nur auf das Gestern auf. Wie könntest du dich auch verändern, wenn du dich in der Vergangenheit nicht einmal kurz gespürt hättest?

 

All the art of living lies in a fine mingling of letting go and holding on.

(Havelock Ellis)

 

 

 

Für Maja und Sasi

weil es nichts besseres gibt, als das Wissen etwas zu haben, das man bewahren möchte.

Der gesunde Schmerz.

In der Medizin gibt es ein Krankheitsbild mit dem faszinierenden Namen hereditäre sensorische und autonome Neuropathie Typ IV, kurz auch nach dem englischen Akronym CIPA bezeichnet. CIPA ist eine seltene, vererbbare Krankheit, der eine Mutation eines Gens zugrunde liegt. Eben jener Gendefekt bewirkt bei den Patienten eine Unfähigkeit Schmerzen zu empfinden. Kurz gesagt: es gibt weltweit eine handvoll Menschen, die keine Schmerzen spüren. Herrlich. Barfuß auf einen Lego-Stein treten und einfach weiter gehen. Mit dem kleinen Zeh gegen den Couchtisch stoßen und einfach locker weitermachen.

Die Hand auf die heiße Herdplatte legen und erst bemerken, dass sie eingeschalten ist, wenn man sein eigenes, verbranntes Fleisch riecht. Stürzen und erst merken, dass etwas gebrochen ist, weil der Knochen blutig aus dem Fuß ragt. Herrlich?

 

Dass wir Schmerzen empfinden ist gesund. Es ist ein Schutzmechanismus des Körpers, der anzeigt, dass etwas genug oder gar zuviel war. Wir brauchen Schmerzen. Sie zeigen uns, wo unsere Grenzen sind.

 

Und ganz dasselbe gilt für unsere Psyche. Wie schön wäre es niemals im Leben an Liebeskummer zu leiden. Niemals zu trauern, Verluste und Niederschläge einfach zu vergessen. Keine Träne zu vergießen, wenn uns etwas verletzt und zerstört. Ob wir glücklich wären?

 

Im Laufe des Lebens passieren so viele Dinge, die uns Schmerzen bereiten. Dinge, die wir vielleicht niemals verstehen werden, für die es manchmal nichtmal einen Grund gibt. Aber sie passieren. Und alles was wir davon haben, ist jede Menge Schmerz. Gebrochene Herzen, verlorener Mut, zerstörte Träume. Und dieses unerklärliche Gefühl, das sich über den ganzen Körper ausbreitet und an dem wir am liebsten sterben würden. Manchmal ist die Tatsache, dass wir fühlen, so katastrophal und nicht zum Aushalten, dass wir uns wünschten, wir könnten alle an CIPA für die Seele leiden.

 

Aber Tatsache ist, dass wir es nunmal tun. Wir fühlen. Wir spüren. Wir empfinden. Und zwar jede Form von Schmerz, die es gibt. Verlorene-Liebe-Schmerz, tragischer-Verlust-Schmerz, das-Leben-ist-unfair-Schmerz, Verlassen-werden-Schmerz, ich-verstehe-nicht-Warum-Schmerz, Lego-Stein-Schmerz, Couchtisch-Schmerz und alle anderen tausend Arten von Schmerz, die wir uns nur vorstellen können. Und auch wenn wir es in dem Moment, in dem wir es fühlen, niemals glauben können: es ist gesund. Schmerz bringt uns dazu, uns zu verarzten, unsere Wunden zu versorgen und zu heilen. Er bringt uns dazu nachzudenken, wie es so weit kommen konnte und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um nicht nochmal so leiden zu müssen. Wir stehen also auf, räumen das Lego weg, verrücken den Couchtisch und beginnen zu verstehen, dass Herz-Schmerz nunmal dazu gehört, dass Verlassen-werden-Schmerz die Gefahr einer jeden Beziehung ist und das-Leben-ist-unfair-Schmerz uns niemals daran hindern sollte, dem Leben zu zeigen, dass wir es besiegen können. Mit Glück und Zufriedenheit, mit Freude und Leidenschaft.

 

Wir genesen. Wir heilen. Wir wachsen daran. Wir brauchen kein CIPA, um uns wohl zu fühlen. Es geht darum aus dem Schmerz etwas zu machen, daraus zu lernen. Die Fehler der Vergangenheit als Maßstab für die Schmerzgrenze anzusetzen und ständig gefasst sein, die Grenze nach oben zu verschieben.

 

Es ist gesund, obwohl es völlig wahnsinnig und absolut verrückt klingt. Es ist gesund zu leiden. Für uns. Für dich persönlich. Du kannst daran nur wachsen. Schmerz ist es, das uns weiter bringt. Ein völlig wahnsinniges Konzept des Lebens. Erst leiden, dann verzeihen. Vielleicht sind das die Wegweiser zum Glück.

 

Vielleicht mögen wir ja den Schmerz. Vielleicht sind wir Menschen von Natur aus so. Denn ohne Schmerz, ich weiß nicht, würden wir uns vielleicht nicht wirklich spüren. Wie sagt man da noch? "Warum haue ich mir ständig mit 'nem Hammer auf den Kopf? Weil es so schön ist, wenn der Schmerz nachlässt."

Grey's Anatomy

 

Für Carmen und Silke.

Das wichtige Wort.

Der deutsche Wortschatz, ohne die fachsprachlichen Terminologien gerechnet, wird auf etwa 500 000 Wörter geschätzt. Das sind eine halbe Million Möglichkeiten etwas zu beantworten, zu beschreiben oder auszudrücken. Und doch suchen wir ständig nach dem einen Ding, der einen Antwort auf unsere Fragen. Wie funktioniert Glück? Wo kommt es her? Wo geht es hin, wenn wir es verloren haben? Was ist Liebe? Was ist Schmerz? Wo tut es weh, wenn dein Herz gebrochen wurde? Die Fragen scheinen so herrlich einfach zu sein. Die Antworten sind es nicht.

 

Der Witz an der Sache ist, dass wir niemals etwas beschreiben können - egal wie viele hundert tausende Worte wir dafür zur Verfügung haben - das wir niemals gefühlt, erlebt, gelernt haben. Und selbst dann fällt es uns schwer, die richtigen Worte dafür zu finden. Eine halbe Million Möglichkeiten, und irgendwie scheint trotzdem nichts zu passen. Was ist Liebe? Ist es wirklich Partnerschaft, Beziehung, Sex, Zukunftspläne? Oder steckt vielleicht mehr dahinter? Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit, Spaß, Gemeinsamkeit, Vertrautheit, Geborgenheit, Freundschaft... Das waren jetzt 12 Wörter, die das eine nichtmal annähernd beschreiben. Es gibt Momente, da fasziniert mich unsere Sprache. Oder vielmehr die Tatsache, dass wir trotz der Fähigkeit zu sprechen, zu schreiben, uns zu artikulieren, so viele Dinge des Lebens niemals erfassen und erklären können.

 

Vor einigen Wochen bin ich über ein Wort gestolpert, das aus der Masse der 500 000 nicht sonderlich hervorsticht. Wir haben es alle schon gehört, seinen Sinn verstanden, gespeichert. Aber haben wir wirklich jemals begriffen, worum es wirklich geht und in welcher Beziehung es zu jedem einzelnen von uns steht?

Vergebung.

 

Es geht um Vergebung. Neun kleine Buchstaben, zusammen einen riesige Bedeutung. Vielleicht ist es sogar eins der Geheimnisse des Lebens, das uns erst offenbart wird, wenn wir wahrhaftig und aufrichtig danach gesucht haben. Was ist es, das uns weitergehen lässt, das uns Dinge in einem anderen Licht betrachten lässt, das letztendlich unseren Himmel zusammenhält? Es ist Vergebung.

 

Wir erleben viel. Es passiert viel. Und nicht alles ist gut und schön. Wir tun Dinge, die wir zutiefst bereuen, oder es geschehen Dinge, die nicht recht und fair sind. Können wir es jemals vergessen? Können wir jemals einfach so damit abschließen? Nun, ich denke meine Antwort lautet Nein. Wir können nichts vergessen oder verdrängen, können niemals so tun als wäre nichts gewesen. Es ist passiert. Das Leben ist passiert. Und es ist an uns zu vergeben. Uns selbst zu vergeben, allen Menschen zu vergeben, die uns je etwas Böses getan haben. Es geht um Vergebung. Wer vergibt, wird weiterkommen. Wer vergibt, wird Frieden finden. Wir müssen dem Leben vergeben, dass es uns übel mitgespielt hat, müssen Menschen vergeben, die unser Herz gebrochen haben. Nicht laut und nicht vor Zeugen, nicht mit Blumen oder Wein. Für uns allein. Vergebung ist der Schlüssel, den wir ständig suchen, um die nächste Tür aufzusperren. Es geht um Vergebung.

Neun kleine Buchstaben, zusammen eine riesige Bedeutung. Während du das gelesen hast, hast du darüber nachgedacht wem du vergeben willst? Was du dir selbst vergeben willst? Tu es. Vergebung kann zwar sicher nicht die Vergangenheit ändern, aber sie ändert deine Zukunft. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Vergebung und frei sein gleich viele Zeichen haben.

Siebenundzwanzig.

Hermann Lahm sagte mal Geburtstage sind Überschriften der Kapitel der Lebensgeschichte. Und obgleich dazu noch zahlreiche Unterkapitel gehören, stimme ich dem zu. Wir schlagen an jedem Geburtstag ein neues Kapitel auf, unwissend womit wir es wohl füllen werden. Eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer, ein neues Drama? Alles ist stets so aufregend, wenn man noch ganz am Anfang steht.

Später werden wir uns nie daran erinnern können, was am 27.12.2016 passiert ist, aber wir wissen noch wie es war, als wir siebenundzwanzig waren. Wir werden uns nicht an jedes Wort im Kapitel Siebenundzwanzig erinnern können, aber sehrwohl an den groben Inhalt. An die Highlights, die fett gedruckten Sätze, die Großbuchstaben.

 

Ich habe die letzten sechsundzwanzig Kapitel meines Lebens nach besten Wissen und Gewissen gefüllt. Mal mit Chaos und Katastrophen, mal mit Dingen, die ein wenig mehr Ernsthaftigkeit verlangt haben. Das Buch meines Lebens ist all das geworden, was ich mir gewünscht habe. Ein berührendes Drama, eine zum schreiend witzige Komödie, ein spannender Abenteuerroman, ein kurzer Reiseführer, eine tragische Liebesgeschichte, vielleicht sogar manchmal ein unbeholfener Selbsthilferatgeber. Es gab viele fett gedruckten Sätze oder Aussagen in Großbuchstaben. Und irgendwie ist es einfach irre, wie viele Seiten es schon geworden sind. Siebenundzwanzig mag nicht viel klingen - aber es steckt verdammt viel Arbeit dahinter.

 

Wer Geburtstag hat, wird ständig gefragt, was er sich denn wünsche. Nun, ich habe mir das dieses Jahr gründlich überlegt. Und obwohl ein Lottogewinn oder eine Weltreise natürlich fabelhaft wären, glaube ich, eine gute Antwort dafür gefunden zu haben:

Viel Platz. Viel Platz für Kapitel Siebenundzwanzig.
Viel Platz für ein neues Lebensjahr. Für Chaos und Katastrophen, für Glück und Leid, für Liebe und Schmerz. Viel Platz für Ideen und Wünsche, für Träume und Luftschlösser. Platz, um festzuhalten was ich lernen werde, was ich erleben und erfahren werde. Platz für Freude und Freundschaft. Jede Menge Platz für ein ganzes Leben. Ich wünsche mir Tequila wenn das Leben mir Zitronen gibt und dass ich meinen Schirm vergesse, damit ich im Regen tanzen kann. Ich wünsche mir ein großartiges, neues Lebenskapitel, das Kapitel fünfundzwanzig und sechsundzwanzig endlich Vergangenheit werden lässt.

Es geht nicht immer darum, dass ein Kapitel ein gutes Ende nimmt. Es geht darum, dass man ein neues Kapitel aufschlägt und anfängt es zu gestalten.

 

 

Herzlichen Dank an alle - Hauptrollen und Nebendarsteller. Was wäre meine Lebensgeschichte nur ohne euch <3