Das wichtige Wort.

Der deutsche Wortschatz, ohne die fachsprachlichen Terminologien gerechnet, wird auf etwa 500 000 Wörter geschätzt. Das sind eine halbe Million Möglichkeiten etwas zu beantworten, zu beschreiben oder auszudrücken. Und doch suchen wir ständig nach dem einen Ding, der einen Antwort auf unsere Fragen. Wie funktioniert Glück? Wo kommt es her? Wo geht es hin, wenn wir es verloren haben? Was ist Liebe? Was ist Schmerz? Wo tut es weh, wenn dein Herz gebrochen wurde? Die Fragen scheinen so herrlich einfach zu sein. Die Antworten sind es nicht.

 

Der Witz an der Sache ist, dass wir niemals etwas beschreiben können - egal wie viele hundert tausende Worte wir dafür zur Verfügung haben - das wir niemals gefühlt, erlebt, gelernt haben. Und selbst dann fällt es uns schwer, die richtigen Worte dafür zu finden. Eine halbe Million Möglichkeiten, und irgendwie scheint trotzdem nichts zu passen. Was ist Liebe? Ist es wirklich Partnerschaft, Beziehung, Sex, Zukunftspläne? Oder steckt vielleicht mehr dahinter? Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit, Spaß, Gemeinsamkeit, Vertrautheit, Geborgenheit, Freundschaft... Das waren jetzt 12 Wörter, die das eine nichtmal annähernd beschreiben. Es gibt Momente, da fasziniert mich unsere Sprache. Oder vielmehr die Tatsache, dass wir trotz der Fähigkeit zu sprechen, zu schreiben, uns zu artikulieren, so viele Dinge des Lebens niemals erfassen und erklären können.

 

Vor einigen Wochen bin ich über ein Wort gestolpert, das aus der Masse der 500 000 nicht sonderlich hervorsticht. Wir haben es alle schon gehört, seinen Sinn verstanden, gespeichert. Aber haben wir wirklich jemals begriffen, worum es wirklich geht und in welcher Beziehung es zu jedem einzelnen von uns steht?

Vergebung.

 

Es geht um Vergebung. Neun kleine Buchstaben, zusammen einen riesige Bedeutung. Vielleicht ist es sogar eins der Geheimnisse des Lebens, das uns erst offenbart wird, wenn wir wahrhaftig und aufrichtig danach gesucht haben. Was ist es, das uns weitergehen lässt, das uns Dinge in einem anderen Licht betrachten lässt, das letztendlich unseren Himmel zusammenhält? Es ist Vergebung.

 

Wir erleben viel. Es passiert viel. Und nicht alles ist gut und schön. Wir tun Dinge, die wir zutiefst bereuen, oder es geschehen Dinge, die nicht recht und fair sind. Können wir es jemals vergessen? Können wir jemals einfach so damit abschließen? Nun, ich denke meine Antwort lautet Nein. Wir können nichts vergessen oder verdrängen, können niemals so tun als wäre nichts gewesen. Es ist passiert. Das Leben ist passiert. Und es ist an uns zu vergeben. Uns selbst zu vergeben, allen Menschen zu vergeben, die uns je etwas Böses getan haben. Es geht um Vergebung. Wer vergibt, wird weiterkommen. Wer vergibt, wird Frieden finden. Wir müssen dem Leben vergeben, dass es uns übel mitgespielt hat, müssen Menschen vergeben, die unser Herz gebrochen haben. Nicht laut und nicht vor Zeugen, nicht mit Blumen oder Wein. Für uns allein. Vergebung ist der Schlüssel, den wir ständig suchen, um die nächste Tür aufzusperren. Es geht um Vergebung.

Neun kleine Buchstaben, zusammen eine riesige Bedeutung. Während du das gelesen hast, hast du darüber nachgedacht wem du vergeben willst? Was du dir selbst vergeben willst? Tu es. Vergebung kann zwar sicher nicht die Vergangenheit ändern, aber sie ändert deine Zukunft. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Vergebung und frei sein gleich viele Zeichen haben.

Siebenundzwanzig.

Hermann Lahm sagte mal Geburtstage sind Überschriften der Kapitel der Lebensgeschichte. Und obgleich dazu noch zahlreiche Unterkapitel gehören, stimme ich dem zu. Wir schlagen an jedem Geburtstag ein neues Kapitel auf, unwissend womit wir es wohl füllen werden. Eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer, ein neues Drama? Alles ist stets so aufregend, wenn man noch ganz am Anfang steht.

Später werden wir uns nie daran erinnern können, was am 27.12.2016 passiert ist, aber wir wissen noch wie es war, als wir siebenundzwanzig waren. Wir werden uns nicht an jedes Wort im Kapitel Siebenundzwanzig erinnern können, aber sehrwohl an den groben Inhalt. An die Highlights, die fett gedruckten Sätze, die Großbuchstaben.

 

Ich habe die letzten sechsundzwanzig Kapitel meines Lebens nach besten Wissen und Gewissen gefüllt. Mal mit Chaos und Katastrophen, mal mit Dingen, die ein wenig mehr Ernsthaftigkeit verlangt haben. Das Buch meines Lebens ist all das geworden, was ich mir gewünscht habe. Ein berührendes Drama, eine zum schreiend witzige Komödie, ein spannender Abenteuerroman, ein kurzer Reiseführer, eine tragische Liebesgeschichte, vielleicht sogar manchmal ein unbeholfener Selbsthilferatgeber. Es gab viele fett gedruckten Sätze oder Aussagen in Großbuchstaben. Und irgendwie ist es einfach irre, wie viele Seiten es schon geworden sind. Siebenundzwanzig mag nicht viel klingen - aber es steckt verdammt viel Arbeit dahinter.

 

Wer Geburtstag hat, wird ständig gefragt, was er sich denn wünsche. Nun, ich habe mir das dieses Jahr gründlich überlegt. Und obwohl ein Lottogewinn oder eine Weltreise natürlich fabelhaft wären, glaube ich, eine gute Antwort dafür gefunden zu haben:

Viel Platz. Viel Platz für Kapitel Siebenundzwanzig.
Viel Platz für ein neues Lebensjahr. Für Chaos und Katastrophen, für Glück und Leid, für Liebe und Schmerz. Viel Platz für Ideen und Wünsche, für Träume und Luftschlösser. Platz, um festzuhalten was ich lernen werde, was ich erleben und erfahren werde. Platz für Freude und Freundschaft. Jede Menge Platz für ein ganzes Leben. Ich wünsche mir Tequila wenn das Leben mir Zitronen gibt und dass ich meinen Schirm vergesse, damit ich im Regen tanzen kann. Ich wünsche mir ein großartiges, neues Lebenskapitel, das Kapitel fünfundzwanzig und sechsundzwanzig endlich Vergangenheit werden lässt.

Es geht nicht immer darum, dass ein Kapitel ein gutes Ende nimmt. Es geht darum, dass man ein neues Kapitel aufschlägt und anfängt es zu gestalten.

 

 

Herzlichen Dank an alle - Hauptrollen und Nebendarsteller. Was wäre meine Lebensgeschichte nur ohne euch <3

 

 

Vom Abschließen und vom Schlüssel.

Heute ist der 3. September 2016. Faszinierend, wie die Zeit vergeht. Was war am 3. September 2006? Warst du single? Hattest du noch keine Kinder? Warst du vielleicht noch nicht verheiratet oder hattest rote Haare, war deine Familie noch komplett und du selbst glücklich? Was ist passiert in den letzten zehn Jahren?

Fühlt es sich seltsam an, dir selbst diese Fragen zu stellen?

 

 

Nun, je älter wir werden, desto deutlicher wird die Zeit, die wir hinter uns gelassen haben. Und irgendwann - ich befürchte schneller als uns lieb ist - wird auch der 3. September 2016 etwas sein, das wir hinter uns gelassen haben. Wir werden feststellen, dass wir so und so alt waren damals und seither viel passiert ist und sich so ungefähr alles geändert hat, woran wir jemals glaubten. Aber es wird okay für uns sein. Wir haben bis dann schon lange damit abgeschlossen, wie es uns damals 2016 so gegangen ist, welchen Hindernissen wir die Stirn geboten haben und welche Kämpfe wir verloren haben.

Das ist das faszinierende am Leben. Irgendwie schaffen wir es abzuschließen und weiterzugehen.

Aber hin und wieder, nur ganz selten aber doch, stellt sich mir eine Frage: Wenn wir etwas abschließen, werfen wir dann je den Schlüssel dazu weg?

 

Es ist nunmal so, dass uns nicht so sehr ausmacht, wie unsere Vergangenheit. Alles was wir sind, sind wir irgendwann geworden. Wie könnten wir also einfach den Schlüssel zu unserem ganzen Sein wegwerfen? Wie wäre ein Leben, das nicht hin und wieder einen kleinen Blick hinter die Tür der Vergangenheit gestattet? Und sei es nur, um zu verstehen wie weit wir gekommen sind.

 

Das Leben ist seltsam. Wir wollen so angestrengt voran kommen, dass uns manchmal gar nicht auffällt, wie viele Schlüssel von abgeschlossenen Türen sich an unserem Schlüsselbund gesammelt haben. Mit noch nicht einmal 27 Jahren habe ich bereits so viele Schlüssel gesammelt, dass ich an manchen Tagen nicht fähig bin diese Last zu tragen. Und doch könnte ich niemals einen davon wegwerfen. Familie, Liebe, Freundschaften - es verbirgt sich zu viel hinter den zugemachten Türen.

 

Vielleicht geht es am Ende nicht immer darum, Momente gesammelt zu haben, dir dir den Atem rauben. Oder Erinnerungen an Augenblicke, die du richtig gelebt hast. Vielleicht geht es am Ende darum, tausende Schlüssel zu haben, die dir selbst zeigen, wie viel zu geschafft hast. Du hast abgeschlossen und bist weitergegangen. Tausende Türen zur Vergangenheit, die du hinter dir gelassen hast, tausende Verluste, die sich irgendwann als Gewinne herausgestellt haben. Tausende Male, die du dein Leben überdacht hast und vorangeschritten bist.

 

Nein, wir werfen die Schlüssel niemals weg. Was würden wir nur tun, ohne die Erinnerungen an ein längst gelebtes Leben, an Leid und Schmerz - aber ebenso an Freude, Sehnsucht und Glück. Hinter jeder abgeschlossenen Tür verbirgt sich ein Teil deines Selbst - single, kinderlos, noch mit roten Haaren, jung und dumm... ganz egal.

 

In Wahrheit ist es doch so: mit etwas abschließen bedeutet nicht, die Tür zu versperren und das Leben dahinter wegzuwerfen. Es bedeutet, mit etwas geendet zu haben und hin und wieder einen kurzen Blick dahinter zu werfen und zu grinsen - weil wir aus den Erfahrungen gelernt haben und gewachsen sind. Weil seit dem 3. September 2006 viel passiert ist - so viel, es fühlt sich an wie ein ganzes Leben.

 

Für Thomas Kabelka.

Weil ein Blick hinter eine abgeschlosseneTür stets bedeutet,

auf die Hauptdarsteller der Vergangenheit zu treffen -

und zu merken, dass es immer etwas gibt,

das einen unversehens lächeln lässt, ganz egal, was alles passiert sein mag.

Du bist die Zukunft.

Nun, die Wahrheit ist: wir wurden fast alle schonmal verlassen.

Und egal, ob es fair und menschlich war, oder die Arschlochaktion des Jahres, das Resultat ist das selbe: wir sind wieder allein.

 

Was folgt daraus? Tränen, Leid, Schmerz und jede Menge Liebeskummer. Wir weinen, bis nurmehr Staub aus unseren Augen kommt, wir essen Eis, bis wir uns davon übergeben, wir schreien, bis wir keine Stimme mehr haben. Es ist grauenhaft. Und einsam. Wir sind so schrecklich einsam. Alles was bleibt, ist ein Häufchen Elend. So furchtbar klein und hoffnungslos.

 

Wo geht die Liebe hin, wenn sie vergangen ist? Was passiert mit all den Gefühlen? Wirst du jemals vermisst werden? Oder bist du egal?

 

 

Natürlich stellen wir uns vor, dass wir jemandem fehlen. Dass jemand an uns denkt. Dass dieser jemand vielleicht seine Entscheidung bereut. Wir hoffen auf die letzte, romantische Geste - ein unangekündigter Besuch vor unserer Tür. Rosen, Champagner - zu viele Hollywoodfilme gesehen?

 

Klar, im Film läuft es so. Der Typ fährt wie ein Wahnsinniger zum Flughafen, rennt ohne Boardingticket in den Sicherheitsbereich und gesteht der Geliebten völlig außer Atem über das Micro der Flugsicherheit seine Liebe - bis es zum Kuss auf der Rolltreppe am Weg zum Gate kommt. Liebe kann ja so schön sein - zumindest in Hollywood.

In der Realität ist es doch eher so, dass du verlassen wirst und niemand mehr einen Gedanken an dich verschwendet. Das Leben geht weiter - eben ohne dich. Es gibt keine letzte, romantische Geste oder keinen filmreifen Kuss am Flughafen. Es ist vorbei. Auf Nimmerwiedersehen. Finde dich damit ab.

 

Natürlich ist das katastrophal traurig, ein Grund zum Weinen und Eis essen und Schreien. Wir sind Menschen, kein gebrauchtes Taschentuch, das man wegwerfen kann! Andererseits ... Wenn die Trauer vorüber ist, die Tränen vergossen, der Schmerz vorbei - was bleibt ganz nüchtern betrachtet? Vielleicht mehr Zeit, um jemanden zu finden, der dich nicht wegwirft? Vielleicht Zeit, ein Leben zu leben, das du noch nie so kennengelernt hattest? Vielleicht bleibt die Gewissheit, dass du ein Leben verdient hast, das so viel mehr bietet als deine Vergangenheit?

 

Es passiert. Wir werden ersetzt durch brünette Lehrerinnen, durch blonde Schönheiten, durch pinkhaarige Osteuropäerinnen. Aber ob es die Liebe des Lebens war oder einfach nur ein Grund nach vorne zu schauen bleibt uns überlassen. Wir haben stets die Möglichkeit jedes Ende als Anfang zu betrachten - wohl wissend, dass wir aus dem Kummer, aus dem Schmerz und dem Leid etwas Neues bauen können.

 

Vielleicht sind wir wieder allein. Aber sind wir nicht daran gewachsen? Haben wir nicht unsere Grenzen erkannt und völlig neu gesteckt? Haben wir nicht gelernt, was das nächste Mal nicht mehr passieren wird?

Die Liebe ist vergangen. Verschwunden. Es hat vielleicht ein wenig gedauert es zu verstehen, aber wir sind darüber hinaus gewachsen. Wir küssen unsere Wunden, fügen sie der Landkarte des Lebens hinzu und schauen nach vorne.

 

Die Wahrheit ist: wir wurden fast alle schonmal verlassen. Aber nur die Klugen haben daraus etwas gelernt und Kraft geschöpft, haben es hinter sich gelassen um etwas Neues zu entdecken. Du musst der Vergangenheit nicht nachtrauern oder eifersüchtig sein. Du bist die Zukunft. Und jeder, der brünette Lehrerinnen, blonde Schönheiten oder pinkhaarige Osteuropäerinnen dir vorzieht, muss wahnsinnig sein, weil er keine Ahnung hat, was er verpasst. Und es kann dir völlig egal sein. Du bist die Zukunft. Und dort erwartet dich dein Glück.