Tot aufwachen.

Das mit dem Leben ist so eine Sache. Wir denken immer wir haben eines und verschwenden keinen Gedanken daran, dass wir es verlieren könnten. Wir nehmen Dinge als gegeben und sicher hin und denken nicht darüber nach, dass wir nichts besitzen außer uns selbst.

 

Wir denken, dass Zuhause, Familie, Liebe, Beziehungen, einfach das Leben an sich uns sicher ist. Klar kann es mal schwierig werden oder Krisen geben.. aber wir gehen wirklich davon aus, dass das alles uns gehört. Wir verlieren uns selbst ans Leben - weil es völlig klar ist, dass es erst endet, wenn wir sterben.

 

Nun... man kann öfter als einmal sterben. Ganz ehrlich. Du kannst aufwachen und tot sein. Weil dein Leben verschwunden ist. Es gibt kein Zuhause, keine Familie, keine Liebe, keine Beziehung. Du hast dein Leben verloren. Und irgendwie bist du dabei gestorben.

 

Wer leitet die Wiederbelebungsmaßnahmen ein? Kannst du jemals zurück ins Leben?

 

Nein. Du kannst nie wieder zurück. Du kannst nicht einfach den Retourgang einlegen und Gas geben. Du musst nach vorne. Das Leben hat keinen Rückwärtsgang. Du musst die Wiederbelebungsmaßnahmen selbst einleiten und dir klar darüber sein, dass zurück keine Option ist. Man kann um Hilfe bitten. Aber den Gang einlegen und losfahren muss man selbst. Der neue Weg kann dich überall hinbringen. Aber du musst ihn erstmal beschreiten.

 

 

Ich bin gestorben. Ich hab Dinge verloren, von denen ich nichtmal wusste, dass ich sie hatte. Ich wache tot auf und verbringe tot den Tag. Ich bin gestorben.

 

 

Es ist Zeit für Wiederbelebungsmaßnahmen. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Jetzt.

Es ist Zeit, dass etwas passiert. Irgendwas.

 

 

Maxximus G-Force.

Das Leben ist eine rasante Fahrt. Ganz ehrlich. Es ist nicht wie... auf der Landstraße 60 fahren mit einem Opel Corsa... es ist mehr wie mit 440 Sachen in einem Maxximus G-Force dahinpreschen.

 

Klar macht das Spaß. Klar ist es gefählich und aufregend und siebentausend andere Sachen.. aber es ist zu schnell. Du erkennst nicht was passiert, weil alles an dir wie ein Schleier vorbeizieht. Hast du das gesehen? Oh, schon zu spät. Hattest du überhaupt Zeit, die optimale Sitzpostition zu finden? Hast du dir die Spiegel eingestellt, um die Gefahren von allen Seiten früh genug zu sehen? War der Drang des Lospreschens so stark, dass du dich nichtmal angegurtet hast?

 

Wir vergessen viel zu oft, dass wir auch mal zur Seite fahren müssen. Weg von der Überholspur. Zur Seite und stehenbleiben. Aussteigen. Durchatmen. Nachdenken, wohin die Reise gehen soll. Der Motor sollte erst warmlaufen, bevor man Vollgas gibt. Wir vergessen es einfach. Weil es zu viel Spaß macht einzusteigen und loszurasen. Weil wir manchmal das Gefühl haben nichts könnte schnell genug gehen. Aber das ist Blödsinn.

 

Manchmal müssen wir erstmal die optimale Sitzposition finden, die Spiegel einstellen und den Motor warmlaufen lassen. Vielleicht testen, was das Auto aushält und was man lieber nicht machen sollte. Es geht darum, sich selbst eine Liste zu erstellen mit Regeln. Wenn du das Gefühl hast nichts mehr unter Kontrolle zu haben, dann geh doch verdammt nochmal runter vom Gas! Das Leben ist kein Wettrennen. Es geht niemals darum, wer als erster durchs Ziel kommt. Es geht darum, wie schön die Fahrt ist. Wie schön man es sich machen kann. Dass man sich wohlfühlt in seinem Auto. Dass es einen nicht auf schnellstmöglichen Weg an irgendein Ziel bringt, sondern dass man auch mal einen Zwischenstopp einlegt und etwas anderes erlebt als Geschwindigkeit.

 

Ich glaube, wir vergessen manchmal, dass sogar ein Maxximus G-Force auch nur mal 60 km/h fahren kann. Dass es Dinge gibt, die es Wert sind vom Gas zu steigen. Dass man seine Fahrt nach einem Zwischenstopp noch immer weiterführen kann. Dass man manchmal auf der Überholspür zu viel hinter sich lässt.

Motorschaden.

Das Herz eines jeden Autos ist sein Motor. Verbrennungsmotoren wandeln chemische Energie in mechanische Arbeit um. Dazu wird im inneren des Motors ein zündfähiges Gemisch aus Kraftstoff und Luft verbrannt - und dabei entsteht Wärme. Die Wärme ist es, die die Kolben bewegt und den Motor in Bewegung versetzt. Wir sind lediglich dazu angehalten den Motor ständig mit Kraftstoff zu versorgen und die Teile zu schmieren. Wir fahren an die Tankstelle, lassen Benzin oder Diesel in das Auto laufen und füllen Öl nach. Im Normalfall reicht das, um den Motor in Schuss zu halten. Es klingt so herrlich einfach.

 

Wenn wir uns verlieben, schüttet unser Körper jede menge chemische Energie in Form von Serotonin, Dopamin und anderen Neurotransmittern aus. Unser Körper durchlebt Phasen, in denen er neue neuronale Verbindungen schafft. Wir schweben im Glücksgefühl, das die Hormone an unser Hirn weiterleiten. Ja, wir empfinden Wärme und wandeln diese in mechanische Arbeit um. Wir lächeln, wir halten Händchen, wir kitzeln uns gegenseitig auf der Couch. Wir sind so voller Tatendrang und wollen gemeinsam die Welt erobern - weil unser körpereigener Verbrennungsmotor auf Hochtouren läuft.

 

Aber während unser Auto ein Licht angehen lässt, wenn es Kraftstoff braucht oder mehr Öl... hat unser Körper in all den Jahrtausenden der Evolution diese Funktion leider nicht eingebaut. Wir reizen die Leistung unserer Verbrennungsmotoren aus und vergessen dabei, Kraftstoff nachzufüllen. Glück zu tanken. Unseren Motor mit Geschichten und Erlebnissen zu schmieren. Wir vergessen, dass Liebe kein Perpetuum mobile ist. Es läuft nicht von selbst auf ewig, wenn es einmal in Betrieb genommen wurde - Liebe ist ein Verbrennungsmotor. Man muss sich darum kümmern, dass er läuft. Muss etwas hineinstecken, muss auch mal damit in die Werkstatt fahren um alles durchchecken zu lassen.

 

Und so passiert es, dass wir plötzlich einen Motorschaden erleiden. Die fehlende Schmierung hat einen Kolbenfresser verursacht - und der Motor ist hinüber. Vielleicht haben wir uns dabei auch noch so geschickt angestellt, dass wir das Ding komplett an die Wand gefahren haben und alles was nun übrig ist, ist ein Haufen Schrott.

 

Was tun, wenn die Reise so plötzlich zu Ende ist? Wenn der Motor hinüber ist und nurmehr ein Haufen Schrott? Zahlt es sich überhaupt aus, das alles reparieren zu wollen? Hängst du so sehr an dem Auto, dass eine Reparatur sinnvoll wäre? Oder ist es vielleicht einfach besser in ein neues Auto zu steigen. Diesmal NICHT vergessen es zu tanken und zu schmieren. Sich darum kümmern, dass der Motor läuft.

 

Manchmal muss man wohl einen Motorschaden haben. Einfach nur, damit uns bewusst wird, dass nichts im Leben ein Perpetuum mobile ist. Es geht um Verbrennung, um Wärme. Es geht darum, Energie zuzuführen und niemals zu vergessen, dass ein Auto wertvoll ist. Dass es uns weiterbringen kann, wohin auch immer wir wollen. Aber es liegt an uns, ihm Dinge zuzuführen, von dem es zehren kann. Momente des Glücks, die unsere Kolben jeden Tag aufs Neue in Gang setzen, Lachen, Abenteuer, Herzlichkeit, die unser Leben schmieren.

 

Hast du es vergessen? Hast du vergessen, dich um deinen Verbrennungsmotor zu kümmern? Hast du den Leistungsverlust einfach ignoriert und gedacht, es wird schon von alleine wieder werden? Gratuliere zu deinem Motorschaden.

 

 

Und was machst du nun?

Dear, 15 year old Sandra...

Es gibt da diese Geschichte, dass Charlie Chaplin, als er noch ein kleiner Bub war, seiner Lehrerin die Frage "Was möchtest du einmal werden" mit "Glücklich" beantwortet hat.

Natürlich kann es sein, dass es gelogen ist und nur dazu dient, dass man etwas zitieren kann, wenn man sich mal wirklich an die Nase fasst und über die Bedeutung des Lebens nachdenkt. Aber.. es kann auch sein, dass es die reine Wahrheit ist. Denn eigentlich haben wir selbst auch nichts anderes gemacht.

 

Wir haben die Frage "Was willst du einmal werden?" mit sieben Jahren sicher nicht beantwortet mit "finanziell abgesichert". Wir wollten Sängerin werden, Schauspielerin, Feuerwehrmann, Lokomotivfahrer, Prinzessin oder Ballerina. Es waren unsere Worte für "glücklich", weil es für uns das Glück bedeutet hat.

 

Was wolltest du werden?

 

Hast du dir jemals als Kind die Frage gestellt, wie dein Leben wohl aussehen wird, wenn du erst "groß" bist? Sieh dich an! Ist es so geworden?

 

Also.. ich will nicht jammern. Ja, ist schon klar, seit einigen Tagen mache ich eigentlich nichts anderes. Aber trotzdem versuche ich zumindest immer ganz zum Schluss noch etwas herauszuholen. Einen kleinen, positiven Gedanken. Etwas Motivierendes. Weil nichts verdammt ist zu bleiben, wie es ist. Und weil wir selbst verantwortlich sind für unser Leben, egal wo wir gerade stehen. Aber heute.. heute, da möchte ich einfach einmal darüber jammern, dass nichts so geworden ist, wie es sollte. Dass das Leben passiert ist. Und alle Pläne zunichte gemacht hat. Oder zumindest den einen, großen Plan. Der ist zunichte. Und nicht erst seit gestern.

 

Der große, der mächtige, der überdrübersupertolle Plan - er war eigentlich gar nicht so abgehoben. Ich wollte studieren, wollte Schriftstellerin oder Journalistin werden. Ich wollte mein Leben mit Wörtern verdienen, weil ich immer schon wusste, dass sie das einzige sind, das ich wirklich im Griff habe. Ich dachte immer, mit 25 würde ich eine junge Frau sein, am besten Weg zu einer wirklichen Karriere - so eine, die sich morgens am Weg zur Arbeit einen Coffee to go mitnimmt und ständig modisch gekleidet ist. Ich wollte meine Abende in Cocktailbars verbringen, auf Konzerten, in Theatern oder Museen. Ich wollte an den Feiertagen zu Besuch nach Hause zu meiner Familie fahren, um ihnen von der großen, weiten Welt zu erzählen. Ich wollte eine von denen sein, die im Zug sitzen, mit dem Laptop am Schoß und so total wichtig aussehen. Die sich mit alten Freunden treffen und jede Menge zu erzählen haben, weil das Leben ein großer Spielplatz voller Abenteuer ist. Ich dachte immer, mit 25 würde ich zurückdenken auf mein Selbst mit 15 Jahren und mir selbst zulächeln können, weil all meine Ängste für nichtig waren und ich es irgendwie geschafft hab. Nun.. und dann wachst du auf und bist auf einmal wirklich 25. Vielleicht erschreckt es dich sogar, weil du ständig dachtest du hättest noch Zeit... aber nein. Die hast du nicht.

 

Vielleicht wachst du auf und statt dir einen Coffee to go zu holen, setzt du dich mit verschlissenen, dreckigen Arbeitsklamotten in dein klappriges Firmenauto und karrst einmal um die halbe Welt, um an Orte zu gelangen, von deren Existenz du nichtmal wusstest. Vielleicht fährst du nicht "zu Besuch" nach Hause, sondern weil du irgendwie nirgens anders hin kannst. Vielleicht besteht deine Familie nurmehr aus einer Person. Vielleicht haben all deine Freunde ein eigenes Leben angefangen und es kommt dir einfach unpassend vor, sie mit deinen Problemen zu überhäufen. Vielleicht stehst du vor dem Spiegel und siehst in die Augen von jemandem, dem wirklich alles widerfahren ist, wovor du dich so sehr gefürchtet hast.

 

Heute in der Nacht hab ich es gesehen.. das 15jährige Mädchen. Es hat weinend um Hilfe geschrien, dass es doch bitte jemand rausholen soll. Es wollte weg. Es wollte nicht in fünf Jahren die ungeliebte, geächtete Tochter und Enkelin sein, die eigentlich gar nichts dafür kann, dass ihr Vater sich wie ein Idiot verhalten hat und einfach abgehauen ist. Sie wollte nicht in drei Jahren umziehen und viel mehr zurücklassen, als ihr klar war. Sie wollte nicht notgedrungen ihre Berufspläne über Bord werfen müssen und etwas anfangen, das ihr schlussendlich auch noch dauerhafte Rückenschmerzen beschert. Sie wollte sich nicht verlieben und verlassen werden, weil sie zum Schluss nur noch eine Belastung war und jemand, der sich selbst nicht ausstehen kann. Sie wollte nicht ihre Oma beerdigen müssen, nachdem sie drei Tage lang ihre Hand gehalten hat und nichts für sie tun konnte. Sie wollte nicht ihr Osterfest in zehn Jahren weinend am Küchenboden verbringen, weil sie sich so schrecklich einsam fühlt. Sie wollte es einfach nicht, sie wollte raus.

 

Aber ich bin drinn. Dieses 15jährige Mädchen bin ich geworden und innerhalb eines Jahrzehnts, das natürlich auch schön war und toll und aufregend und noch tausend andere Sachen, haben mich meine eigenen Entscheidungen dazu gebracht das alles zu werden. Ich kann es mir nur selbst vorwerfen. Entscheidungen getroffen zu haben, die für den Moment wohl richtig und guten Gewissens waren - aber im Nachhinein einfach schrecklich und unüberlegt.

 

Heute gibts keine positiven Gedanken, keine motivierenden Worte. Heute möchte ich das 15jährige Mädchen in mir trösten und ihm sagen, dass es mir Leid tut. Dass ich das alles niemals so haben wollte. Dass ich es nicht mehr ändern kann. Aber dass ich wenigstens versuche, es wieder in den Griff zu bekommen. Mehr kann ich im Moment nicht tun. Ich habs versaut. Ich hab vergessen, dass ich eigentlich glücklich werden wollte.