Das verflixte Nachher.

Nun... es liegt doch irgendwie in der menschlichen Natur, dass wir immer erst etwas zu schätzen wissen, wenn es weg ist. Wir merken erst wie sehr wir lieben, wenn der Mensch gegangen ist. Wir merken erst, wie sehr wir brauchen, wenn keiner mehr da ist, an dem wir uns festhalten können. Wir merken erst wie sehr wir uns sorgen, wenn keiner mehr da ist, um den wir uns sorgen können. Und natürlich wissen wir immer erst nachher, wie bescheuert wir waren. Wie schrecklich engstirnig. Dass unser Tunnelblick uns jegliche Möglichkeit gegeben hat, auch mal nach rechts oder links zu sehen. Wir wissen immer erst nachher, was man tun hätte können. Was man sagen, fragen, machen hätte sollen. War es wirklich so schlimm, sich sonntags eine Stunde Zeit zu nehmen und sich mit der Großmutter zu beschäftigen? War es ehrlich so dramatisch und unpassend, sich hinzusetzen, einen Kaffee zu trinken und zu reden? Mensch ärgere dich nicht zu spielen und dabei zu lachen? War es ehrlich so schwer, einfach mal zu sagen: nimm dir eine Auszeit, du brauchst jetzt Ruhe. War es echt so unmöglich einfach mal zu fragen: "Wie kann ich dir helfen?".

 

Meine Oma ist gestorben. Die letzten drei Tage ihres Lebens habe ich an ihrem Krankenbett gewacht und ihre Hand gehalten. Und das einzige, dass ich dabei denken konnte war: als sie mich vor ein paar Tagen noch fragte, ob ich mich denn zu ihr setzen könnte, hab ich sie abgefertigt mit einer blöden Antwort und sie einfach allein gelassen. Hätte es mich denn umgebracht, mich einfach zu ihr zu setzen und fernzuschauen?

Mein Freund hat mich verlassen. Und als ich stundenlang mein ganzes Leben aus seiner Wohnung geräumt habe, hab ich ständig nur daran gedacht, ob es denn so schlimm gewesen wäre, ihn einfach mal nach seinen Bedürfnissen zu fragen. Ob es ehrlich gegen meine Natur gegangen wäre, einfach einmal nicht danach zu handeln was ICH richtig finde, sondern jemand anders. Jemand, der ohnehin keine gute Zeit hat, Stress, Probleme, Sorgen. Wieso können wir nicht manchmal schon vorher wissen was RICHTIG ist? Geht es wirklich immer darum zu leiden und nur aus dem Leid lernen zu können, wie die Welt funktioniert? Ist das Leid wirklich das einzige, das uns vorwärts bringen kann?

 

Mir ist in meinem Leben schon viel Leid widerfahren. Und eigentlich ging es fast immer darum, dass ich verlassen wurde. Egal von wem. Von Männern, von Vätern, von Freunden... Und jedesmal sind mit ihnen meine Wünsche und Träume gegangen. Jedesmal hab ich zwar etwas gelernt, aber immer nur auf Kosten meiner selbst. Wieso kann ich nicht auch davon träumen, eines Tages ein superschnelles Rennauto zu besitzen oder ein Haus zu bauen? Solche Träume wären komplett unabhängig von irgend jemand anderem. Es würde dabei nur um mich gehen. Stattdessen träume ich von gemeinsamen Reisen, von sonnigen Tagen am Strand und davon, endlich ein Zuhause zu schaffen - gemeinsam. Und vielleicht eben gerade weil ich irgendwie ständig verlassen werde, träume ich davon jemanden zu haben, an dem ich mich festhalten kann. Der nicht geht. Der mir seinen Wohnungsschlüssel gibt und sagt: fühl dich wie zu Hause. Damit ich ein Ziel haben kann. Einen Ort, von dem ich nicht andauernd wegfahre, sondern ein Ort, an dem ich ankomme.

 

Ich glaube, manchmal geht es genau darum. Man will ankommen. Man will nicht mehr ständig unterwegs sein. Man möchte, egal wo man ist, wissen, dass man etwas hat, das man vermissen kann. Schade nur, dass einem immer erst klar wird wie sehr man etwas vermisst, wenn man es nicht mehr hat. Kein Ort mehr zum Ankommen, keinen Menschen mehr zum Festhalten, keine Oma mehr zum Mensch ärgere dich nicht spielen.

 

Ja, manchmal ist das Leben wirklich scheisse. Und DAS ist uns sogar klar, obwohl es uns nicht verlassen hat.

 

 

 

Tag 2. Kann ich mir jemals selbst verzeihen?