Der Schlüssel zum Glück.

Vor gefühlten tausend Jahren, in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben... ist mir etwas wirklich seltsames passiert. Mir ging es zu dieser Zeit nicht gut - es war viel geschehen. Eigentlich fast mehr, als ich verkraften konnte. Ich weiß noch, dass ich mich oft in den Schlaf weinte - und wenn das nicht ging, verbrachte ich Stunden damit zu grübeln und Gespräche zu planen, die ich nie geführt habe. Ich war schrecklich unglücklich. Meine Welt war zerbrochen. Und ganz gleich wie jetzt, hab ich ständig darauf gewartet, dass etwas passiert. Irgendwas.

 

An einem Tag verließ ich meine Wohnung und fühlte mich wie das Wetter - grau, kalt, ungeliebt. Ich war so nah am Wasser gebaut, dass mir praktisch jeder meiner Gedanken die Tränen in die Augen trieb. Aus irgendeinem Grund deprimierte mich fast alles, was ich sah und hörte. Andauernd stellte ich mir meine eigene Beerdigung vor und wie es wohl wäre einfach aufzugeben und dieses beschissene Leben einfach hinter mir zu lassen - es war wirklich eine katastrophale Zeit. Und gerade an jenem Tag, als ich morgens aufstand und dachte, ich könne diesen ganzen Schmerz nicht mehr aushalten und müsste daran zerbrechen, traf ich diesen betrunkenen, völlig verwirrten, dreckigen Obdachlosen. Ich saß an einer Busstation und rauchte und er kam angewankt und fragte mich nach einer Zigarette. Ich sah ihn nur flüchtig in die Augen und händigte ihm eine aus. Plötzlich lies er sich neben mich auf die Bank fallen und fragte, wieso ich denn so traurig schaute. Ich grinste ihn nur an und sagte, dass er wohl am besten wüsste, dass das Leben manchmal ziemlich hart ist. Er erwiderte nichts. Stattdessen griff er in seine Jackentasche und holte einen Schlüssel hervor. Und sagte etwas, das ich wohl nie vergessen werde: "Hör mal, Mädchen. Du bist zu jung, um ein schweres Leben zu haben. Du kannst nicht immer darauf warten, dass alles gut wird. Manchmal musst du aufstehen und dein Glück eben suchen, wenn es schon nicht zu dir kommt. Ich geb dir jetzt diesen Schlüssel. Wenn du mal wieder vor einer verschlossenen Tür stehst, hinter der sich dein Glück versteckt, dann nimmst du ihn und sperrst auf. So einfach ist das."

 

Es waren nur die Worte eines Betrunkenen, ein schräger Typ, der nach Wein und Rum roch. Aber es war etwas passiert. Dieser irre Kerl hatte mich irgendwie aus meinem Sumpf der Trauer gerissen. Einfach nur, weil er mir einen Schlüssel gab. Den Schlüssel zum Glück. In den darauffolgenden Tagen und Wochen habe ich damals beschlossen, dass ich zu jung bin, um unglücklich zu sein. Dass ich es satt habe zu warten und dass es an der Zeit ist mein Glück zu suchen. Plötzlich hatte ich keine Angst mehr, dass ich es nicht finden würde. Ich hatte ja einen Schlüssel, der mir die Welt öffnen konnte.

 

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Die letzten zwei Tage meines Lebens habe ich damit verbracht mein Leben wegzuwerfen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hab mich praktisch von allem getrennt, was ich jemals besessen habe. Ich dachte wirklich, es würde mir Erleichterung verschaffen. Aber ich habe wohl vergessen, dass man nichts mehr besitzt, wenn man alles wegwirft. Und zwischen all diesen Sachen, zwischen Briefen, Erinnerungen, alten Dokumenten, zwischen ausrangierter Kleidung und Zeitzeugen eines früheren Lebens, fand ich ihn. Den Schlüssel. Ich wusste nicht, dass ich ihn noch besitze. Damals, 2009, hab ich ihn ständig mit mir herumgetragen - aber irgendwann hatte ich mein Glück gefunden und brauchte den Schlüssel nicht mehr. Er war verschwunden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber gestern hielt ich ihn plötzlich wieder in der Hand. Aber es war nichts Schönes mehr daran. Es war nicht erleichternd oder befreiend. Nur ein Relikt aus einem anderen Leben. Ein verbrauchtes Denkmal der Hoffnung. Aber vielleicht doch ein Zeichen, dass etwas passieren kann.Ich werde ihn aufbehalten. Zur Sicherheit. Oder vielleicht, damit ich wenigstens noch etwas besitze, wenn ich schon alles andere weggeworfen habe.

 

Inzwischen frage ich mich, ob der Schlüssel zum Glück vielleicht nur einmal sperrt. Und wie weit es noch kommen muss - nach Zusammenbruch und Psychiatrie - bevor ich einen anderen Schlüssel finde.